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Re: Veranstaltung in der Moorkirche in Diakonie Freistatt,
Donnerstag 4. Mai 2006 ]
„Eine
Vertrauensperson fehlte“
VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG
– Bethel
stellt sich seiner Vergangenheit. In der Einrichtung in
Freistatt wurden in den 50er und 60er Jahren Jugendliche zum
Torfabbau herangenommen
VON
KARIN ILGENFRITZ
Nein, heute sind solche Zustände
undenkbar: 40 Jugendliche in einem Schlafsaal, schwere körperliche
Arbeit von morgens bis abends und wer nicht pariert, wird
weggesperrt oder geschlagen. "Das war schrecklich. 14 Heime
habe ich hinter mir, meine Mutter hat mich einfach im
Säuglingsheim liegen gelassen", sagt ein Mann, der
seinen Namen nicht nennt. "Heute noch leide ich unter der
Zeit in den Heimen.“ Er ist sichtlich aufgewühlt. Mit
am schlimmsten sei die Zeit in der Diakonie Freistatt
gewesen.
Und doch ist er nun wieder nach Freistatt
gekommen. Die Einrichtung in der niedersächsischen Moorgegend
gehört zu den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und
hatte ehemalige Heimkinder zu einer besonderen Veranstaltung
eingeladen. Nach der Veröffentlichung des Buches "Schläge
im Namen des Herrn" von Spiegel-Journalist Peter Wensierski
schlugen die Wellen hoch. Wensierski hatte in zahlreichen
deutschen Heimen über die Zeit in den 50er und 60er Jahren
recherchiert. Das Ergebnis: Viele Heimzöglinge verbrachten
Jahre unter heute unvorstellbaren Bedingungen. Die Leserbriefe,
die UK [UNSERE KIRCHE] in den letzten Wochen erreichten,
bestätigen, dass viele Menschen in verschiedenen Heimen
ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Im Zuge der
Aufarbeitung dieses Themas folgten über dreißig
ehemalige Fürsorgezöglinge der Einladung in die Diakonie
Freistatt. Darunter auch jener Mann, der so viele Jahre in Heimen
zugebracht hat: "Ich möchte die Gespenster der
Vergangenheit loswerden." Die Ehemaligen konnten sich bei
einem Rundgang einen Eindruck des heutigen Heimes verschaffen. Wer
wollte, bekam eine Kopie seiner Akte. Und am Abend gab es eine
Lesung mit Peter Wensierski mit anschließender
Diskussion.
"Wir mussten arbeiten, wurden gedemütigt,
geschlagen und konnten nie darüber reden", sagte der
Mann, dessen Heimkarriere bereits als Säugling begann. Sich
niemanden anvertrauen zu können – das war auch für
Willi Komnick mit das Schwerste. "Mir hat immer eine
Vertrauensperson gefehlt." Außerdem war für viele
Heimkinder damals schlimm, dass sie meist garnicht wussten, warum
sie in einem Heim sind. "Bis heute ist mir ist das nicht
klar", sagt Komnick. Über vierzig Jahre sind seit seiner
Heimzeit vergangen. Mit acht Jahren kam er in ein Kinderheim und
später nach Freistatt, wo nur junge Männer waren [sic
= "Jungens im Alter von 14 bis 21 Jahren" ( gemäss
den Aussagen in verschiedenen Jubiläumsbroschüren
betreffend der Anstalt Freistatt im Wietingsmoor], die vor allem
in der Torfproduktion arbeiteten.
Der Rundgang durch
Freistatt und der Blick in seine Akte bringt viele Erinnerungen
hoch. Komnick hat an die Erzieher keine besonders guten
Erinnerungen. "Sie sind nicht gerade zimperlich mit uns
umgegangen." Der andere Mann fällt ihm ins Wort:
"Geprügelt wurden wir, Bastard musste ich mich schimpfen
lassen, die Erziehern waren brutal!" Er wird laut und macht
den Erziehern aus der damaligen Zeit, bittere Vorwürfe.
Ein
ehemaliger Erzieher meldet sich zu Wort. "Wir wussten damals,
dass manches nicht richtig war. Aber oft wussten wir uns nicht
anders zu helfen." Damals sei die 93-Stunden Woche für
sie üblich gewesen. "Es waren einfach schwere Zeiten."
Das reicht dem aufbrausenden ehemaligen Zögling nicht, er
schimpft weiter "Was?", ruft er, "Willst Dich
entschuldigen?"
Peter Wensierski greift ein. "Ich
kenne nur wenige Erzieher, die sich den Fragen und Anklagen
stellen", sagt er. "Und wenn jemand so mutig ist und das
macht, sollte man nicht auf ihn eindreschen." Auch Pastor
Wolfgang Tereick, Geschäftsführer von Freistatt,
beschwichtigt den aufgeregten Mann. Und er weiß, dass in
Freistatt vieles im Argen war. "Es hieß damls:
Freistatt statt Zuchthaus. Dementsprechend sind viele Erzieher mit
den Jungs umgegangen." Dass auch genügend
Nicht-Straffällige unter den harten Händen litten, sei
hingenommen worden.
Am Ende schließlich war ein
ruhiges Gespräch möglich. Willi Komnick hat der Tag gut
getan: "Ich fahre jetzt anders nach Hause. Für mich war
der Tag ein wichtiges Detail, um mit meiner Heimvergangenheit
besser zurechtzukommen."
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Vor
etwa zwei Jahren gründeten Betroffene den Verein
ehemaliger Heimkinder e.V.. Kontakt: Telefon: (05535) 91038,
Dienstag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr und Samstag von 13 bis 16
Uhr; E-Mail: Anlaufstelle@vehev.org;
Internet: www.vehev.org.
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■ "Historie der
Heimerziehung" ist das Thema einer Fachtagung am 23. Mai
ab 9 Uhr im Dietrich Bonhoeffer Haus in Paderborn. Zum Program
gehört eine Lesung mit Peter Wensierski. Anmeldung unter
Telefon: (05642) 981344.
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